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Ein spezieller Besuch.

Ich gab den Badge wieder ab, erhielt meinen Pass zurück und ich durfte das Gebäude durch die Türe verlassen. Sandro* musste bleiben. An jenem Ort, wo er schon mehr als 7 Jahre von seinem Leben verbracht hat: im Gefängnis.

Eine Welt in der Welt. Ein Ort, der manch einer verdrängt, vergisst oder einfach drüber hinwegsieht. Einen Ort, welchen man lieber nicht besucht. Ein Ort, wo nur Böses ist. Ein Ort, den man aber durchaus besichtigen soll. Es sind nämlich ebenfalls Menschen, Menschen wie wir, einfach anders.

Ich durfte die Gelegenheit nutzen und Sandro besuchen. Sandro ist bereits älter, hat tätowierte Arme und Hände, kurze weisse Haare und weiss, warum er im Gefängnis ist. Sandro weiss auch, dass er Fehler gemacht hat. Ich kannte Sandro nicht, umso mehr war es ein sehr spezieller Tag für mich. Ein spezieller Moment, da man Gefängnisse nur aus Filmen kennt und sich natürlich ein eigenes Bild macht.

Ich besuchte Sandro von 14-16 Uhr. Pro Woche darf er nur einmal besucht werden. So wollen es die Regeln. Was ich in 2 Stunden alles fragen sollte, war mir nicht klar, doch die Zeit verging wie im Fluge und ich habe Sandro auch zwei, drei Dinge gefragt. Auch bezüglich des Tagesablaufs. Wie sieht das aus?

Grundsätzlich muss jeder Häftling intern arbeiten und Geld verdienen. Denn auch in der Welt der Welt ist nichts gratis. Für TV und Kiosk muss bezahlt werden. So steht auch Sandro frühmorgens auf und beginnt mit der Arbeit. Gegen Mittag ist er fertig. Jetzt wo es wieder wärmer wird und der Sommer schon bald angekommen ist, wird es wieder gemütlicher. Im Innenhof dürfen sich die Gefangenen gewissen Zeiten frei bewegen und was unternehmen. Umso mehr freut man sich natürlich, wenn am Nachmittag jemand zu Besuch kommt. Klar stünden auch Therapien an – man sitze ja nicht unschuldig im Gefängnis.

Mittlerweile war eine Stunde bereits vorbei – gefühlte 20 Minuten. Ganz ehrlich. Zu diesem Zeitpunkt merkte ich gar nicht mehr, dass ich in einem Gefängnis sass, im Besucherraum, zusammen mit Sandro. Es hätte gerade so gut ein Kaffee am Limmatquai sein können. Wir lachten und redeten. Ein sehr komisches Gefühl.

Er wusste bereits, dass ich blogge und mich auskenne mit Internet und Games. So war der zweite Gesprächsteil schnell bestimmt. Er spielt ebenfalls gerne Computerspiele. Jene, welche zugelassen sind. Nicht alles ist zugelassen. Ist ja auch logisch.

Wir gingen in den Hof. Eigentlich wollten wir noch Zigarren rauchen, doch dies verschoben wir auf ein nächstes Mal. Ein nächstes Mal, welches es sicher geben wird. Sandros Zukunft ist noch ungewiss – die immer stärker anziehende Schraube der Justiz spürt auch er. Obwohl er weiss, dass er nichts Gutes getan hat. Leider ist es so, dass gerade ein Fall Lucy die Sichtweise der Politiker, Justiz und Bevölkerung stark verändert und jene büssen, die wissen und einsehen, welchen Fehler sie gemacht haben. Dies sieht auch Sandro so.

Dann war die Zeit schon vorbei. Ich lächelte, ging durch die Sicherheitstüre. Gab meinen Badge ab und erhielt meinen Pass. Ein komisches Gefühl. Ein sehr komisches Gefühl. Der eine geht – der andere bleibt. Man hinterfragt, man überlegt, sucht Anworten und merkt pötzlich: manchmal gibt es keine Antworten. Manchmal muss man es einfach akzeptieren und halt bei gewissen Dingen einfach vorher abschätzen, Hirn einschalten. Denken, bevor man eine Tat begeht. Aber das ist auch nicht immer einfach. Sandro weiss dies auch. Das weiss ich von ihm. Es war ein spezieller Tag. Sehr speziell.

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